Diese Folge ist das 5. Türchen der #WissPodWeihnacht, des Adventskalenders von Wissenschaftspodcasts.de. Hört euch gerne auch die anderen Türchen an!
Während der Bronzezeit stand im Nordwesten des heutigen Jordaniens eine mächtige Stadt: Dicke Stadtmauern, ein mehrstöckiger Palast und ein 30 Meter hoher Wachturm sind nachgewiesen – doch diese Stadt sollte untergehen. Wie genau sie zerstört wurde, darüber wurde in den letzten Jahren ein wissenschaftlicher Disput geführt.
Karl erzählt in dieser Folge von der Ausgrabungsstelle Tell el-Hammam: Der Ort liegt 14 Kilometer nordöstlich des Toten Meeres im Jordantal. Hier siedelten Menschen schon zur Zeit der Römer, aber auch lange davor, über Tausende von Jahren wurden dort Städte aufgebaut und gingen wieder zugrunde. Im September 2021 veröffentlichte ein Team aus Archäologen, Geologen, Metallurgen und Materialwissenschaftlern im Fachmagazin Scientific Reports eine Studie, die zeigen sollte: Die Stadt sei in der Bronzezeit vor rund 3670 Jahren geradezu zertrümmert worden. Heiße Winde seien vom Himmel über die Stadt gekommen, hätten vier Meter breite Lehmziegel zerbröselt, Dachziegel geschmolzen und den Schutt samt dem Hausrat ihrer Bewohner über ein großes Areal verteilt. Schuld daran seien keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder irdische Naturkatastrophen gewesen – sondern ein Meteorit aus dem All, der über dem Toten Meer detoniert sei und eine heiße Druckwelle ausgesandt habe.
Die wissenschaftliche Arbeit korrespondiert mit einer Erzählung aus dem Alten Testament, die bis heute sprichwörtlich ist: Sodom und Gomorra mussten untergehen, weil der biblische Gott dort unhaltbare Zustände vorfand. Aber war das bronzezeitliche Tell el-Hammam wirklich eine Art Vorbild für das Sodom aus dem Buch Genesis des Alten Testaments – und wie gut sind die Argumente in der Studie?
Sie waren überhaupt nicht gut, wie sich kürzlich zeigte: Im April 2025 wurde die Studie von Scientific Reports zurückgezogen. Externe Forschende hatten manipulierte Fotos, falsch eingeordnete historische Vorbilder und Modelle gefunden. Es lag klar wissenschaftliches Fehlverhalten vor, das den Richtlinien des Journals widersprach.
Aber was steckt dahinter? Einen Hinweis geben die ursprünglichen Autoren selbst: Für die Grabung in Jordanien hatte ein Teil des Teams Gelder gemeinsam mit evangelikalen US-Gruppen gesammelt, die sich ihrerseits der Unfehlbarkeit der christlichen heiligen Schriften verschrieben haben. Es sind Vertreter des Kreationismus der alten Erde: Sie erkennen zwar manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse an, etwa das Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren. Doch gleichzeitig müssen wissenschaftliche Erkenntnisse für sie kompatibel mit der Bibel sein.
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- Folge 4: Meteoriten
- Folge 86: Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling
Weiterführende Links
- WP: Sodom und Gomorra
- WP: Tell el-Hammam
- WP: Tunguska-Ereignis
- WP: Airburst
- WP: Mark Borlough
- WP: Old Earth creationism (englisch)
Quellen
- Fachartikel (zurückgezogen): A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea, Scientific Reports (20.09.2021)
- Blogeintrag: Elisabeth Biks: Blast in the Past: Image concerns in paper about comet that might have destroyed Tall el-Hammam (01.10.2021, Zugriff 25.11.2025)
- Blogeintrag: Paul Braterman: Tall el-Hammam: an airburst of gullibility (05.10.2021, Zugriff 25.11.2025)
- Blogeintrag: Paul Braterman: Tall el-Hammam; an airburst of gullibility; it gets worse (14.10.2021, Zugriff 25.11.2025)
- Fachartikel-Korrektur: Bunch et al.: A Tunguska sized airburst destroyed Tall el‐Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea, Scientific Reports (22.02.2022)
- Fachartikel-Kommentar: Jaret & Harris: No mineralogic or geochemical evidence of impact at Tall el‐Hammam, a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea, Scientific Reports (25.03.2022)
- Fachartikel-Kommentar: Boslough & Bruno: Misunderstandings about the Tunguska event, shock wave physics, and airbursts have resulted in misinterpretations of evidence at Tall el-Hammam, Scientific Reports (22.04.2025)
- Retraction Watch: Sodom comet paper to be retracted two years after editor’s note acknowledging concerns (23.04.2025, Zugriff 25.11.2025)
- Retraction Note: A Tunguska sized airburst destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age city in the Jordan Valley near the Dead Sea (24.04.2025)
- Scientific American: Mark Boslough: A Sodom and Gomorrah Story Shows Scientific Facts Aren’t Settled by Public Opinion (25.06.2025)
- Fachartikel (republiziert): LeCompte et al.: A Tunguska Sized Airburst Destroyed Tall el-Hammam a Middle Bronze Age City in the Jordan Valley Near the Dead Sea (Expanded), Airbursts and Cratering Impacts (24.05.2025)
Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852)


Ich bin Associate Editor eines mittelprächtigen wissenschaftlichen Journals und Autor mehrerer 100 Fachartikel. Was Ihr in Sachen Unverständnis zum Thema Peer Review gesagt habt, kann ich erklären:
1. Als Editor ist es ziemlich schwierig Gutachter (Reviewer) zu finden. Gemäß Journalrichtlinien brauche ich 2 Gutachter für eine Editorentscheidung. Um diese beiden Gutachter zu bekommen, muß ich 10-20 Kandidaten anschreiben. Typischerweise sagt ca. 25% ab, 20-30% sagen zu, aber nur die Hälfte reviewt den Artikel überhaupt, die anderen reagieren nicht auf Erinnerungen. Der Rest (>50%) reagiert überhaupt nicht auf die Anfrage.
2. Etwa 30% der Reviewer (sowohl meiner eigenen Paper als auch solcher die ich als Editor betreue) reviewen primär um „citation fishing“ zu betreiben, also um den Autoren aufzuerlegen, „important paper“ zu zitieren, die fast immer nur die eigenen sind. D.h. es geht darum die eigenen Zitatezahlen zu erhöhen.
3. Wenn man ein Paper ordentlich begutachten will, braucht man bei 20-30 Manuskriptseiten einen halben Tag. Bis ich meine Reviewertätigkeit auf die Paper, die mich wirklich interessieren beschränkt habe, bekam ich wöchentlich 10-30 Anfragen. Man kann also weniger reviewen, sämtliche Freizeit opfern oder schlampig reviewen.
4. Ich habe öfters Paper, die ich bei einem Journal X als inakzeptabel reviewt habe, 2 Tage später von einem Journal Y nochmals bekommen und zwar ohne, daß meine Kommentare irgendwie ernst genommen wurden. So etwas senkt natürlich die Motivation.
5. Es ist mir schon öfters passiert, daß die Autoren meine Kommentare als Reviewer nicht ernst genommen haben und meinten, daß eine verkorkste Argumentantionskette mit 2 Halbsätzen zu korrigieren sein anstatt, daß es einer gründlichen Überarbeitung bedarf – fast immer von Autoren aus Ländern, deren Englischkenntnisse im allgemeinen schlecht sind. Aus den selben Ländern kommen auch die Autoren, die meinen, daß sie besser fahren, wenn sie mich als anonymer Gutachter persönlich beleidigen und mich der Majestätsbeleidigung (d.h. Beleidigung ihres Professors) bezichtigen.
Man kann also sagen, daß das Peer-Reviewsystem auch in Gebieten, in denen Religion keine Rolle spielt, das Peer-Reviewsystem alles andere als gut funktioniert, insbesondere wenn sich Autoren und Editoren nicht kennen, wovon ich bei Scientific Reports ausgehe.
Deshalb hat mich nicht wirklich überrascht, daß solch hahnebüchenes Zeug durchgewunken wurde, insbesondere, wenn ein finanzielles Interesse seitens des Verlags besteht. Das Problem war hier nur, daß der Artikel ein großes Medienecho bekommen hat.
Ich fande die Diskussion nach dem inhaltlichen Schnelldurchlauf sehr interessant, auf der einen Seite Karl mit dem (für mich raus gehörten Standpunkt) „Den Reviewern ist hier nichts vorzuwerfen und die Autoren glauben das vermutlich selbst“ und Franzi mit dem raus gehörten Vorwurf: „Wie kann man sowas vor der Veröffentlichung nicht bemerken und diesen Autoren sollte man einen Maulkorb geben“.
Hier möchte ich persönlich anmerken, dass ich im tief gläubigen Umfeld aufgewachsen bin, freikirchlich und evangelikal, war einige Jahre in einer Sekte aus dem Bilderbuch mit amerikanischen Pastor und die Medien waren vom Teufel. Hab erst mit Ende 20, Anfang 30 angefangen das zu hinterfragen. Aber daher denke ich, kann ich die Motivation der Autoren nachempfinden und was Karl am Ende meinte trifft wohl höchstwahrscheinlich den Nagel auf dem Kopf: „Das große heilige Buch muss einfach stimmen“. Das ist der Kernsatz des ganzen Irrtum und der Motivation, die Bibel muss mit der Naturwissenschaft im Einklang gebracht werden. Es gibt diverseste halbwissenschaftliche Bücher davon, die Realität wird darin einfach verbogen, aber das ist wirklich eine gefärbte Wahrnehmung der Welt. Da gibt es so viele Dinge die man dann den (vielen) christlichen Kindern erzählt: „Die Wissenschaftler berechnen das Alter der Welt einfach falsch, die geologischen Vorgänge sind viel schneller von statten gegangen, die Bibel mit 6000 Jahren ist daher nicht falsch. Evolution gab es so nicht, Knochen von Affenmenschen wären kranke Menschen mit Rheuma, außerdem kann eine hochkomplexe DNA nicht von alleine entstehen (bei diesem Punkt muss ich aber heute immer noch Recht geben :D).
Man legt sich im Kopf halt alles zurecht, damit die Bibel als heiliges Buch nicht in Zweifel gezogen wird. Als Außenstehender ist das vielleicht schwer nachvollziehbar, aber die Bibel ist ja oft Gottes direkt gesprochenes Wort, die Botschaft deines Schöpfers und im neuen Testament ist ja eine doch tiefgehende Liebesbotschaft mit Lebenssinn und das Erwähltsein, das würde man ja gleichzeitig mit aufgeben müssen, wenn man die Bibel in Frage stellt. Außerdem ist man ja gedanklich ständig mit Gott, Jesus oder Heiligen Geist verbunden und würde diese Anzweiflung ja als Verrat an sein inneres Heilskonstrukt und alltäglichen imaginären Freund empfinden.
Ja soviel mal was mir dazu einfällt. Klar sage ich heute auch, man sollte denen einen Maulkorb geben, aber sie sind ja im Kampf gegen die gefallene wissenschaftliche „Welt“ und sie müssen denen die Augen öffnen und sie würden einen Maulkorb als Christenverfolgung empfinden, von daher einfach drüber lächeln und machen lassen. Es wird gefühlt immer mehr aus Amerika geben, es wirkt alles andere als rückläufig. Aber ich freue mich auf kommende kuriose Geschichten wie den selbsternannten Missionar der von den Inselbewohnern der Sentinelesen mit Pfeilen durchlöchert wurde, weil die Christen die ganze Welt missionieren müssen, bevor Jesus wieder kommen kann. Klar, ist nicht unbedingt witzig, aber das traurigste daran ist, man kann den Leuten da nicht raus helfen.
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Religion. Aber wer Wissenschaft betreibt, muß bereit sein ohne vorgefertigte Meinung und Vorurteile Sachverhalte zu erforschen. Wenn man etwas nachweisen will, was einer sachlichen Prüfung nicht standhält aber unbedingt richtig sein muß, weil es nicht anders im eigenen Weltbild sein kann, hat den Pfad der Wissenschaft verlassen und sollte sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.
Die Reaktion der Autoren des Papers, dieses nach Zurückziehung sofort überarbeitet neu bei einem Schwurbeljournal einzureichen, zeigt, daß sie sich nicht an die wissenschaftlichen Regeln halten und damit ist indirekt nachgewiesen, daß der Artikel ziemlich hanebüchen ist.
Was die DNA-Frage betrifft:
1. Kein Biologe behauptet, dass unsere komplexe DNA in einem Schritt aus der Ursuppe geploppt ist. Entstanden ist sie in vielen kleinen Schritten über sehr lange Zeit.
2. Evolution ist keine Einmal-Lotterie, sondern ein Suchverfahren mit Rückmeldung: Variation + Selektion + Vererbung. Damit findet man funktionierende Lösungen, ohne je ‚die eine richtige Sequenz‘ erraten zu müssen.“
3. Wir sehen heute, dass neue Gene aus alten entstehen und dass sich funktionale RNA im Labor aus Zufallssequenzen herausentwickelt – also: Mehr Komplexität aus einfacheren Vorstufen ist kein Wunschdenken, sondern beobachtete Realität.
(44:45) Sie erstarrt zur Salzsäure? 😉
Vielen Dank für diese spannende Geschichte samt Plottwist!
Ein wirklich dunkles Rabbithole sind so christlich-„wissenschaftliche“ YouTuber, hab ich mir mal gegeben aber danach war mir schlecht (geht bei denen übrigens oft um Kosmologie, denen reicht dann meist schon allein der Umstand dass es viele offene Fragen gibt als „Beweis“ für einen Schöpfer).
Ich will hier aber nochmal die tolle Doku-Reihe „Die Geburt des Christentums“ von Arte (gibt es auch auf YouTube) empfehlen, allein schon um zu zeigen dass mein Studienabschluss Philologie auch spannend sein kann Da wird unter anderem sich auch mit der Legende auseinander gesetzt, dass Nero Rom hätte anzünden lassen, um die Christen zu verfolgen – etwas, was immer noch von vielen als Allgemeinbildung gesehen wird, aber vollkommener Bullshit ist. Die christliche Gemeinde in Rom zu Neros Zeiten wird auf etwas 300 Personen geschätzt, um diese kleine Gruppe zu verfolgen brauchte es keine derart krasse Aktion wie die eigene Hauptstadt abzufackeln. Vor allem gab es aber auch keinen wirklichen politischen Grund, da das Christentum einfach noch sehr unwichtig war. Verheerende Brände waren hingegen in den antiken Großstädten sehr häufig, enge Gassen, viel Holz und Heu, offenes Feuer in jeder Küche und Therme und jedem Tempel. Was allerdings in römischen Quellen überliefert ist: Dass die kleine christliche Gemeinde in Rom das Feuer in Rom als Apokalypse und somit die Rückkehr Jesu gefeiert hat – und naja, dass die Freudentänze der Christen bei der restlichen Bevölkerung Roms angesichts der Katastrophe nicht gaaaanz so gut ankamen.
Werden die Episoden des Adventskalenders auch nach der Adventszeit zur Verfügung stehen? Ich werde es nämlich erfahrungsgemäß nicht schaffen, die Episoden zeitnah zu hören. Und zu lohnen scheint es sich ja… zumindest bin ich neugierig.
Die Folgen werden online bleiben.
Danke für die Folge und die Kommentare!
Gerade wenn man selber nicht im christlichen Sinne gläubig ist, ist es interessant zu erfahren, wie es zu den Geschichten in der Bibel kam, was für Ereignisse tatsächlich beschrieben werden und warum genau diese Geschichten über Jahrhunderte weitererzählt werden. Ich denke, deshalb stoßen solche „Forschungsarbeiten“ auf so großes mediales Echo: Was ist passiert mit dem Meer, als es „Moses geteilt hat“? Hat Posaunenschall Jericho zerstört? Welches Himmelsereignis wird bei Jesus Geburt beschrieben? Und eben, was ist mit Sodom und Gomorrha passiert?
Natürlich kann derartige „Forschung“ tendenziös sein – wenn mal wieder die Arche Noah gefunden wird zB.
Berichte zum Hintergrund, wie in eurer Folge, dass es sowas wie diese andere Kreationisten Strömung gibt, evangelikale Forschungsgemeinschaften, was beim Peer Review passieren kann und wie die Arbeiten diskutiert werden -auch zwischen euch – sind meiner Meinung nach hochinteressant und wichtig.