Astronomie, Geowissenschaften
Episode 144
Kommentare 8

Kosmische Spuren in Bäumen: Was sind Miyake-Ereignisse?

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Karl Urban
Autor
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Franziska Konitzer
Moderatorin
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Joana Rettig
Lektorat

Irgendwann zu Beginn der 2010er Jahre steht die Doktorandin Fusa Miyake zum ersten Mal vor einer sehr alten Baumscheibe. Es ist eine Scheibe aus dem Stamm einer Japanischen Zeder, die 2000 Jahre lang auf der Insel Yakushima im Süden Japans gewachsen war. Die Aufgabe der jungen Physikerin: Sie soll die einzelnen Wachstumsringe des Baumes untersuchen, um mehr über die Sonnenaktivität im achten Jahrhundert herauszufinden, die dort chemische Spuren hinterlassen hat.

In gewisser Weise erreicht Miyake wenige Jahre später ihr Ziel, allerdings deutlich spektakulärer als sie oder ihr Doktorvater das erwartetet hatten. Zum Ende ihrer Doktorarbeit publiziert sie eine Studie im renommierten Magazin „Nature“ und berichtet: Der Gehalt an Kohlenstoff-14 war im achten Jahrhundert Jahr für Jahr unauffällig, stieg aber plötzlich innerhalb nur eines Jahres an. Im Jahr 774 muss die Menge des radioaktiven Nuklids in der Atmosphäre ganz plötzlich stark zugenommen haben. Warum – das ist damals noch völlig unklar.

Karl erzählt in dieser Folge von einem rätselhaften Phänomen, das wenig später den Namen der japanischen Physikerin erhält. Miyake-Ereignisse beschäftigten schon bald Astrophysiker weltweit, als klar wurde: Es handelt sich um ein global nachweisbares Phänomen, in uralten Bäumen genauso wie im Gletschereis der Antarktis. Dessen Ursprung liegt höchstwahrscheinlich nicht auf der Erde.

Hinzu kommt: Es blieb nicht bei einem einzelnen Ereignis im Jahr 774. Bis heute fanden Forschende neun derartige Ereignisse aus den letzten 14.000 Jahren, sieben gelten als sicher. Nur in unserer modernen Welt fehlt jegliche Erinnerung daran. Denn das letzte Miyake-Ereignis fand man in Baumringen aus dem Jahr 993.

Was den Zustrom der radioaktiven Nuklide ausgelöst hatte, ist lange unklar. Im Gespräch sind Supernova-Explosionen oder sogar exotische Gammablitze irgendwo in der Nachbarschaft des Planetensystems. Schon bald rückt auch die Sonne in den Fokus der Forschung. Was auch immer die Ursache war: Die Spuren der Miyake-Ereignisse haben bereits etliche Disziplinen beeinflusst. Dank ihnen gelang es, die Radiokarbonmethode zur Altersdatierung deutlich zu verbessern. Vereinzelt konnten sogar Jahrtausende zurückliegende Ereignisse aus der Geschichte aufs Jahr genau datiert werden.

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Quellen

Episodenbild: CC0 Gabriel Jimenez / Unsplash

8 Kommentare

  1. @MurmeltHier @astrogeo.de statistisch gesehen wäre mal wieder eines fällig.

  2. @astrogeo.de

    Wieder mal einen Podcast meiner Liste hinzugefügt.
    So langsam weiß ich nicht mehr wann ich das alles hören soll.

  3. Marcus Munzlinger sagt

    Guten Morgen!

    Ich höre ja zugegebener Weise regelmäßig fremd beim unausweichlichen Florian Freistetter. Und der hat in Folge 711 seiner Sternengeschichten über etwas ganz anderes geredet, über das CLOUD Experiment.

    Aber da geht es auch um den von Franzi so genannten Teilchenschauer als Folge geringerer Sonnenaktivität. Freistetter geht da auch nur kurz drauf ein und sagt in dieser Kürze relativ oft mal „Magnetfeld der Sonne“ und einmal gar „Magnetosphäre“, aber trotzdem verstehe ich ihn so, dass es bei höherer Sonnenaktivität letztlich der Sonnenwind ist, der die meisten kosmischen Teilchen aus dem Sonnensystem pustet und damit von der Erde fernhält. Karl sagt aber nur ein- zweimal Magnetfeld der Sonne und gut ist.

    Jetzt verstehe ich höchst wahrscheinlich den Zusammenhang von „Magnetfeld der Sonne“ und „Sonnenwind“ zu wenig um zu begreifen dass hier kein Widerspruch vorliegt, in meinem von physikalischer Unkenntnis gezeichneten Hirn erscheinen Magnetfeld und Sonnenwind als letztlich dennoch unterschiedliche Dinge und ich wähne mich aus reiner Dummheit einer großen Sache auf der Spur: Wind oder Feld? Freistetter oder Urban? Kann es nur einen geben?

    Liebe Grüße

    Marcus

  4. Manfred Polak sagt

    Wieder mal eine sehr schöne Folge.

    Ein weiteres Beispiel für ein archäologisches Objekt, das durch die Kombination von Dendrochronologie und C14/Miyake genau datiert wurde, war vor einem knappen Jahr ein riesiger Holzpfosten aus Cahokia, der Metropole der Mississippi-Kultur.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Cahokia

    Hier das Paper:

    https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0333783#pone.0333783.ref029

    Miyake-Ereignisse werden darin aber als „solar energetic particle event (SEP)“ bezeichnet, der Name Miyake findet sich nur in der Literaturliste. Dieses Ergebnis fand auch den Weg in populärwissenschaftliche Medien. Zwei Beispiele:

    https://phys.org/news/2025-10-giant-wooden-marker-dates-cahokia.html

    https://www.telepolis.de/article/Cahokia-Die-vergessene-praekolumbische-Metropole-10853726.html

    Bei diesem zweiten Text habe ich auch einen Kommentar hinterlassen, in dem ich vom „Herrn Miyake“ spreche. Gnagnagna. Wie peinlich.

  5. @astrogeo.de
    Supper Folge!
    Spannend erzählt und ich habe da viel Neues gelernt.

    Antwort warum die Intercontinentalen Glasfaserverbindungen eine Kupferleitung haben und daher für Carriongton/Miyake-Ereignisse anfällig sind:
    Das (Laser-)Signal schwächt sich in der Glasfaser ab und muss daher alle 100km-150km regeneriert (=verstärkt) werden und dafür brauch es halt Strom.

  6. Luna sagt

    Ich glaube das ist das erste mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Geologe einen Zeitraum von 8 Jahren als „ziemlich langen Anstieg“ bezeichnet hat

  7. Hardy sagt

    Sehr schöne Folge, danke dafür, ganz ehrlich.
    Ich komme aber nicht umhin ein wenig zu Klugschei….:
    @Konitzer: Nein, das Magnetfeld der Sonne interagiert nicht mit dem Magnetfeld der Erde. Nur geladenen Partikel des Sonnenwindes haben Einfluss auf unser Magnetfeld.
    @Urban: Ich hätte mich gefreut wenn der Unterschied zwischen Auflösung und Messfehler bzgl. C14 Jahrenwerten mehr herausgearbeitet worden wäre. Miyake hat bei ihrer Arbeit beides sehr weit runter gebracht. Viele der Jahrzehnte zurück liegenden Messungen hatten technologisch zwangsläufig nur über mehrere Jahre gemittelte Werte als Ergebnis, … dann aber mit gerigem Messfehler. Das hat zur Beantwortung der üblichen C14-Fragen völlig ausgereicht. Die INTCAL 13 Kurve ist ja bewust über mehrer Jahre/Jahrzehnte gemittelt.
    Wenn man jetzt mit der neuen Technik C14 und Dendrologische Daten so gut verknüpfen kann ist das natürlich genial.

    Zu den vermuteten Effekten eines Miyake-Events in unserer Zeit:
    Ja, viele Satelittenbauer und Stromnetzbetreiber haben Carrington Events as worst-case szenarios für ihre hardware/Notfallprozesse berücksichtigt. Aber ein Faktor 10-100 wird deutlich darüber hinausgehende Strahlungsschäden/Spannungsspitzen erzeugen und Schadensbilder erzeugen.
    @Konitzer: 1 Woche digital Detox kann jeder für sich selber entscheiden. Aber Pipelines /Unterseekabel und Satelitten werden bei einen globalen Schadensbild nicht nach 1 Woche repariert sein. Nehmen wir mal Mittelspannungstransformatoren: Bei den heute vorhandenen Lagerbeständen + angenommenen funktionsfähigen Produktionsanlagen würde es Jahre dauern nur 10% der globalen Anlagen zu ersetzen.
    Wie viel das an Verlust dauerhafter Lebensqualität und Nahrungsmittelversorgung bedeutet möge jeder selber bewerten.

    Ich freue mich schon auf eure nächsten Folgen. 8-))

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